Erlenbach, das in alten Urkunden noch bis ins 13. Jahrhundert «Arlimbac» hiess, hatte einst eine grosse Ausstrahlung. So verschaffte der Priester Peter Kunz ihm einen Namen als Zentrum der Reformation im Oberland. Später wurde die Erlenbacher Pferdezucht weltberühmt.
Schon vor rund 30000 Jahren haben Menschen im Gebiet von Erlenbach gelebt und ihre Spuren hinterlassen. Ein oft benützter Unterschlupf war die «Chilchlihöhli», die von der Alp Vorderstocken aus erreichbar ist. Werkzeuge und Waffen früherer Siedler sind auf dem Pfrundhubel oberhalb der Kirche, wo heute das Primarschulhaus steht, entdeckt worden. Dort hatten die «Helvetier» ein befestigtes Gebäude, das später von den Römern übernommen und zu einem starken Wachtturm ausgebaut wurde. Von hier aus liess sich das Tal, dieser wichtige Verbindungsweg vom Schweizer Mittelland zu den Pässen ins Wallis, nach Italien und Savoyen, überblicken und notfalls sperren.
Römische Legionäre haben ihre Spuren (Münzen aus der Kaiserzeit) beim Hinterstockensee und sogar auf dem Stockhorngipfel hinterlassen. Offenbar wegen seiner strategisch wichtigen Lage wurde Erlenbach, eine Urkunde von 1203 nennt es noch Arlimbac, früh zu einer angesehenen Siedlung. Dies geht auch daraus hervor, dass bereits im späten ersten Jahrtausend ein gemauertes Gotteshaus von respektabler Grösse entstand, das im 11. oder anfangs des 12. Jahrhunderts durch die heutige romanische Kirche ersetzt wurde.
 Erlenbach nach dem Eisenbahnbau 1897
Droben auf dem Pfrundhubel bauten etwas später die Freiherren von Erlenbach ihre mittelalterliche Burg. Über das Schicksal dieser Feudalherren, die nur wenige Male in Urkunden erscheinen, ist uns fast nichts bekannt. Ruinen aus dieser wenig erforschten Zeit finden sich auch auf der horstähnlichen Zufluchtsstätte von Gavertschinggen ob Latterbach.
All diese Freiherren oder Raubritter wurden bald überflügelt von den mächtigen Herren von Weissenburg, die zur Zeit, als die alten Eidgenossen auf dem Rütli schwuren, die hiesige Gegend weithin beherrschten. Dies freilich unter Wahrung der nicht geringen alten Rechte der Bäuerten und ihrer freien Bewohner. Immerhin waren die Weissenburger zuständig für die Verwaltung der Erlenbacher Kirchengüter. Die ältesten Fresken in der Kirche stammen übrigens aus der Zeit ihrer Herrschaft.
1330 mussten sie dann allerdings, geschwächt vom Kampf gegen das aufstrebende Bern, ihre Erlenbacher Kirchenrechte dem Kloster Interlaken abtreten. Unter der Leitung dieses Klosters erhielt die Kirche kurz nach 1400 ihre prächtige und oft bestaunte gotische Ausmalung, die noch heute Jahr um Jahr viele Besucher anzuziehen vermag. Zu jener Zeit gehörte auch das ganze Diemtigtal kirchlich zu Erlenbach, so dass dieses Gotteshaus das Zentrum eines ganzen Landstrichs bildete. In der Kirche Erlenbach fand auch ein grosser Teil der Landsgemeinden der alten Landschaft «Niedersibenthal» statt. Hier wurden die Rechte der ganzen Region, die inzwischen unter Bern gekommen war, gehütet und wahrgenommen. Hier war auch eines der massgebenden Zentren der Berner Reformation, die durch den einheimischen Priester und nachmaligen Berner Münsterpfarrer Peter Kunz kräftig vorangetrieben wurde. Er gilt als der «berühmteste Erlenbacher» aller Zeiten. Unter Bern erlebte Erlenbach meist ruhige und gesicherte Zeiten. Durch Jahrhunderte waren seine Pferdezucht und seine Viehmärkte beliebt und wurden weitherum beachtet. Erlenbacher Bauern haben Exportvieh über die Alpenpässe bis nach Süditalien getrieben.
Ein furchtbares Geschehnis muss der Dorfbrand von 1765 gewesen sein. Östlich des Dorfbachs wurden 15 Häuser und neun Scheunen ein Raub der Flammen. Glücklicherweise blieb die Kirche verschont. Und gut war es auch, dass das Unglück in eine materiell gesicherte Zeit fiel. 1766 und in den folgenden Jahren wurde Erlenbach in bester Weise wieder aufgebaut. Die Hochblüte der Simmentaler Baukunst, die damals herrschte, hat Erlenbach zu einer Mustersiedlung werden lassen. Einige Häuser tragen sogar die Handschrift des berühmten Meisters Hans Messerli, der damals unserem Tal die schönsten Bauten geschenkt hat. Aber nicht nur im Dorf, sondern auch in allen Bäuerten stehen wertvolle Zeugen alter Zimmermannskunst und machen die Gemeinde zu einem Hort edler Bauernkultur.
Die Hochkonjunktur nach dem zweiten Weltkrieg hat die Gemeinde nur in sehr abgeschwächter Form berührt. Dafür hat sie auch ihren oft so schmerzlichen Schaden nicht anrichten können. Die Gemeinde verfügt über eine prächtige und weithin unzerstörte Landschaft, was sich auch in der Zukunft als hohes Gut erweisen dürfte.
Alt Pfarrer Ernst von Känel

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